aus: http://www.verkehrsforum.ch/Ausw_D/AVP/GP/PD11_6.htm

Lärmbekämpfung Eisenbahn
 
Schweiz als Wegbereiter
 
pd. Wie sicher allgemein bekannt ist, werden sich die Eisenbahnen Europas zukünftig für alle interessierten Bahn-Betreiber öffnen. Ein geeigneter Betreiber kann um eine Konzession und Betriebsbewilligung für die Vornahme von Fahrten auf dem schweizerischen Eisenbahn-Netz nachsuchen und dann auf eigenen Rechnung und Gefahr den gewünschten Eisenbahntransport einmalig oder regelmässig durchführen. Selbstverständlich ist es nicht möglich, einfach drauflos zu fahren, sondern der ganze Verkehr auf dem Schienennetz der Schweiz muss sich aus Sicherheitsgründen nach wie vor innerhalb genauer Vorschriften, Grenzwerten und Regeln abwickeln. Einer dieser Grenzwerte ist z.B. der Lärm, den die Eisenbahn maximal verursachen darf.
 
Leider hat nun in dieser Beziehung die Öffnung des Schienennetzes für alle geeigneten Betreiber auch Nachteile. Es ist ein offenes Geheimnis, dass - wie es im übrigen auch bei anderen Transportmitteln bereits der Fall ist - nun auch auf dem Schienennetz nicht jeder Betreiber mit gleichwertigem Rollmaterial auftreten könnte. Zu gut bekannt ist das ähnliche Problem z.B. auf den Meeren oder auf den Strassen.
Damit die Sicherheit und die Qualität des Bahnverkehrs für den eigentlichen Benutzer und für in der Nähe der Eisenbahn wohnende Dritte nicht leidet, ist eine klare und strenge Regelung notwendig. Selbstverständlich werden jetzt in der Schweiz alle nötigen Vorkehrungen getroffen, um solche Unsicherheiten und Ungleichheiten zu beseitigen: Es wird alles in der Schweiz verkehrende Rollmaterial, inkl. des unter dem Begriff "open acces" fahrenden, den gleichen Grundsätzen unterworfen werden.
Dies bedeutet auch inbezug auf die Lärmentwicklung, dass nur lärmarmes Rollmaterial eingesetzt werden darf. Dort, wo aus irgendeinem Grund, fremdes, nicht lärmsaniertes Rollmaterial eingesetzt wird, müssen früher oder später die zu erhebenden Trassenpreise diesem Umstand Rechnung tragen und nicht lärmsaniertes Rollmaterial für den Einsatz finanziell mehr belastet werden.
Es sind deshalb in der Schweiz Emissionsgrenzwerte erforderlich, damit die Qualität auch gesichert werden kann.
Wege zur Lärmsanierung des Rollmaterials in der Schweiz sind schliesslich bekannt. Der Eisenbahnlärm entsteht ja bekanntlich durch das Abrollen der stählernen Räder auf den Stahlschienen. Er wird nun in sehr direkter Art und Weise durch die mikroskopischen Rauhigkeiten der beiden Metalloberflächen, d.h. dem Rad und der Schiene, bestimmt. Diese Rauhigkeiten wiederum sind hauptsächlich eine Folge des Bremsen mit dem alten, aber sehr bewährten Grauguss-Bremsklotz. Wohl lassen sich diese Grauguss-Bremsklötze durch ein anders geartetes Bremssystem (z.B. Scheibenbremsen, deren Bremssohlen auf spezielle, zwischen den eigentlichen Rädern angebrachte Bremsscheiben wirken) umgehen, aber eine kostengünstige Lärmsanierung der zahlreichen Güterwagen kann nur über einen Tausch der Grauguss-Bremsklötzen gegen solche aus Kunststoff und dem dadurch bedingten Radscheibentausch und Anpassungsaufwand am Bremssystem bestehen.
Nun würde es im Güterverkehr aber nicht viel nützen, wenn z.B. die SBB im Alleingang nur ihre Güterwagen gegen den Lärm sanieren würde. Praktisch jeder Güterzug, der die schweizerischen Strecken befährt, setzt sich grossmehrheitlich aus Güterwagen ausländischer Provenienz zusammen. Umgekehrt fahren unsere Wagen z.T. jahrelang auf ausländischen Strecken, möglicherweise sogar in Ländern, an denen das Lärmproblem der Eisenbahn überhaupt nicht an erster Stelle steht.
Selbstverständlich haben auch die anderen Länder in Europa das Lärmproblem erkannt, und es besteht weitgehende Einigkeit über die einzuschlagende Richtung beim Vorgehen zur Lärmreduktion. Ein Programm der europäischen Bahnen sieht vor, gemeinsam in einer kurzen Periode den Güterwagenpark auf die neue Bremstechnik umzurüsten, und so gemeinsam auch die Früchte dieser Arbeit zu geniessen: Wenn nämlich alle Wagen leiser werden, braucht man die sehr effiziente Zusammenarbeit auf dem Gebiet des gegenseitigen Wagenaustausches gar nicht aufzugeben, sondern man kann alle Wagen unter den gleichen Bedingungen wie bis anhin in ganz Europa fahren lassen. Diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist seit mehr als 100 Jahren bei den europäischen Eisenbahnen bewährte Praxis.
Da nun die Sanierungen auch der ausländischen Bahnen nach gewissen Prioritäten vor sich gehen wird, das heisst, dass stark im internationalen Verkehr eingesetzte Wagen mit hohen Jahres-Laufleistungen prioritär umgerüstet werden, entsteht auch in der Schweiz schnell eine netz- bzw. landesweite Lärmsenkung, welche alle stark befahrenen Strecken der SBB und auch der Privatbahnen umfassen wird.
Da zahlreiche Güterwagen der SBB und auch der ausländischen Bahnen vom gleichen, standardisierten Typ sind, kann oft auch auf technischem Gebiet eine gemeinsame Lösung und allenfalls auch eine gemeinsame Beschaffung der nötigen Umbauteile ins Auge gefasst werden. Jedenfalls erhöht der Einbezug der ausländischen Güterwagen (UIC-Entscheid) die lärmsenkende Wirkung an den Transitachsen in der Schweiz ganz entscheidend.
Dass für eine Umrüstung des gesamten Güterwagenparkes - es handelt sich um ca. 10000 Wagen, zu denen ja auch noch 6'500 von bei den SBB eingestellten Privatwagen kommen - gewisse Mittel nötig sind, versteht sich von selbst. Da die Kunststoff-Bremsklötze eine wesentlich grössere Lebensdauer als diejenigen aus Grauguss aufweisen, kann ein Teil der entstehenden Umrüstkosten während der folgenden Betriebsphase glücklicherweise wieder neutralisiert werden. Wenn die Umrüstung aber relativ schnell zu Ende geführt werden soll, ist auf alle Fälle mit einem grösseren Aufwand zu rechnen.
Können die Umrüstungsarbeiten zur Lärmsanierung des Güterwagenparkes nicht nur EU-weit, sondern auch in der Schweiz zielstrebig vorangetrieben werden, ist auch der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem die Eisenbahn nicht nur im Zusammenhang mit der zur Bewegung nötigen Energie das "nachhaltigste", sondern auch unter dem Gesichtspunkt "Lärm" eines der absolut umweltfreundlichsten Verkehrsmittel bleiben wird.
Damit dies möglich wird, braucht es indessen die Zustimmung des Volkes zur FinöV-Vorlage, welche u.a. die Finanzierung des Lärmschutzes bei den Bahnen sicherstellt.