«Eiserner Rhein» wird wieder auf die Schiene gebracht
Aachener Zeitung Online, Euregio Aktuell, 14.04.2000

              Aachen. Wenn stillgelegte Bahntrassen reaktiviert werden, geschieht dies meist in
              einem Anflug von Romantik, die Wiederbelebung erfüllt allenfalls einen
              touristischen Zweck. Anders ist es beim «Eisernen Rhein», der im Jahre 1879
              erstmals befahrenen Schienenverbindung zwischen dem Antwerpener Hafen und
              dem Ruhrgebiet.

              Ökologische und vor allem wirtschaftliche Interessen verfolgten die
              Verkehrsminister von Belgien und den Niederlanden, Isabelle Durant und Tineke
              Netelenbos, als sie sich kürzlich darauf verständigten, den «Eisernen Rhein»
              vorerst bis zum Jahre 2008 für den Güterverkehr zwischen Antwerpen und dem
              Ruhrgebiet wieder nutzbar zu machen.

              Die historische Strecke des «Eisernen Rheins», 1953 für den Personen- und 1993
              für den Güterverkehr stillgelegt, führt von Antwerpen aus über Herentals, Mol,
              Neerpelt, Weert, Roermond, Dalheim und Mönchengladbach nach Krefeld und
              Duisburg und ist somit 50 Kilometer kürzer als die bestehende Streckenführung
              über Aarschot, Diest, Hasselt, Tongeren, Visé, Montzen, Aachen, Geilenkirchen,
              Erkelenz und Mönchengladbach.

              Bereits ab Ende 2001 sollen pro Tag zwischen 7 und 19 Uhr einige Züge die
              historische Strecke befahren. Ab Ende 2002 würden maximal 15 Züge eingesetzt
              werden können, gegebenenfalls auch nachts. In der Zwischenzeit dürften auch die
              Ergebnisse einer Umweltverträglichkeitsstudie vorliegen, von der die Niederlande
              ihre endgültige Zustimmung zu dem Vorhaben abhängig gemacht haben, weil die
              Schienenverbindung über den «Eisernen Rhein» auf holländischer Seite durch das
              europäisch anerkannte Naturschutzgebiet «De Meinweg» führt.

              Doch selbst dann wäre nicht ausgeschlossen, dass Natur- und
              Landschaftsschützer rechtliche Mittel einsetzen, um eine Reaktivierung der alten
              Bahnlinie zu verhindern. Belgien war seit jeher Befürworter einer Wiederbelebung
              des «Eisernen Rheins», die dem Antwerpener Hafen von großem Nutzen wäre und
              ihm einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber Rotterdam sichern würde.

              In Rotterdam sähe man deshalb lieber eine neue Bahnverbindung im Norden der
              Niederlande über Emmerich: die «Betuwe-Linie».Dennoch sind selbst in Belgien
              nicht alle glücklich über die belgisch-niederländische Übereinkunft. Kritiker
              befürchten, dass der «Eiserne Rhein» den Güterbahnhof Montzen in seiner
              Existenz bedrohen könnte. Inzwischen jedoch hat die belgische
              Verkehrsministerin Durant bekräftigt, dass eine Reaktivierung des «Eisernen
              Rheins» nicht auf Kosten der bestehenden Verbindung über Montzen erfolgen
              werde.

              Im Gegenteil: Die Modernisierung der Bahnverbindung von Antwerpen über
              Montzen in Richtung Ruhrgebiet soll sogar vorangetrieben werden. So werde zum
              Beispiel der Viadukt von Moresnet, den Güterzüge zurzeit nur im
              Schneckentempo passieren können, wodurch wertvolle Zeit verloren geht, für
              umgerechnet 32,5 Millionen Mark erneuert werden. Die grüne Ministerin Durant ist
              eine «eiserne» Verfechterin einer massiven Rückführung des Gütertransports von
              der Straße auf die Schiene.

              Auf deutscher Seite wurde die beabsichtigte Wiederbelebung der um 50 Kilometer
              kürzeren historischen Trasse zumindest von Seiten der Wirtschaft begrüßt. Der
              Schienenverkehr zwischen dem bedeutsamen Seehafen Antwerpen und dem
              Ruhrgebiet würde dadurch «wesentlich wettbewerbsfähiger, insbesondere
              gegenüber dem Lkw», so die IHK Duisburg.

              Auch die IHK Aachen wertete den Ausbau des «Eisernen Rheins» als «zwingend
              erforderlich». Dadurch werde eine konkurrenzlos schnelle Schienenverbindung
              geschaffen, die auch noch billiger sei als andere Trassenführungen, so die IHK
              Aachen. Antwerpen ist für Nordrhein-Westfalen einer der größten Umschlagplätze
              in Europa: Jährlich werden hier 30 Millionen Tonnen Güter in Richtung deutsche
              Grenze verfrachtet, wobei die Hälfte davon für NRW bestimmt ist.

              Allerdings hat der «Eiserne Rhein» auch in Nordrhein-Westfalen nicht nur
              Freunde. Vor allem in Wegberg im Kreis Heinsberg formiert sich Widerstand
              gegen eine Reaktivierung der historischen Trasse, weil in diesem Fall der
              Güterverkehr mitten durch die Stadt und unmittelbar an Wohngebieten vorbei
              führen würde.

              Deshalb will man in Wegberg prüfen, ob es Sinn macht, einen so genannten
              Vertrauensschutz einzuklagen, wurde doch in den vergangenen Jahren von den
              Verkehrsministerien des Bundes und des Landes stets versichert, dass es auf der
              historischen Trasse des «Eisernen Rheins» keinen Güterverkehr mehr geben
              werde und folglich entlang des Schienenstrangs bedenkenlos gebaut werden
              könne.

              In Wegberg befürchten Anwohner der Bahnverbindung obendrein, dass im Fall
              einer Reaktivierung des «Eisernen Rheins» an ihrer Haustür vorbei sogar
              gefährliche Güter transportiert werden.

              Gerard Cremer, 14.04.2000 13:48

 
 

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